17. August 2026

Wenn Frauen ihren Lebenslauf „botoxen“ müssen

„Lebenslauf-Botox“ nennt sich ein Trend, bei dem Frauen über 50 ihre berufliche Vergangenheit verjüngen. Nicht aus Eitelkeit, sondern aus Angst vor Altersdiskriminierung.

Ingrid Korosec

Ingrid Korosec

Präsidentin des Österr. Seniorenbundes, Abgeordnete zum Wr. Landtag, Volksanwältin a.D.

Es gibt eine neue Form von Alterskosmetik – eine auf Papier: im Lebenslauf.

 „Den Lebenslauf botoxen“ beschreibt einen Trend, der vor allem Frauen über 50 betrifft. Sie kürzen ihre berufliche Vergangenheit, verzichten auf Jahreszahlen oder lassen frühe Ausbildungs- und Berufsstationen weg. Nicht, weil sie sich jünger machen oder jemanden täuschen wollen, sondern weil sie verzweifelt sind. Weil sie das Gefühl haben, keinen anderen Ausweg mehr zu sehen. Weil sie erleben, dass allein ihr Alter darüber entscheiden kann, ob ihre Bewerbung überhaupt eine Chance bekommt.

Hinter diesem Schritt steckt die Angst, die berufliche Zukunft an einer Zahl scheitern zu sehen. Die Angst, dass 30 oder 40 Jahre Erfahrung plötzlich nicht mehr als wertvoll, sondern als „zu alt“ gewertet werden. Dass eine Frau, die fachlich viel zu bieten hat, gar nicht erst die Gelegenheit bekommt, das zu zeigen. Wenn Menschen beginnen, Teile ihrer eigenen Geschichte aus dem Lebenslauf zu streichen, belegt das, wie groß der Druck mittlerweile ist.

Der Lebenslauf wird zur Schönheitsoperation

Der Begriff „den Lebenslauf botoxen“ beschreibt das optische „Glätten“ und Verjüngen eines Lebenslaufs. Ziel ist es, beim automatisierten Recruiting durch KI und Algorithmen – aber auch bei menschlichen Entscheidern – nicht wegen des Alters aussortiert zu werden. Daher wird Berufserfahrung häufig auf die letzten zehn bis 15 Jahre reduziert. Stationen aus den 1980er- oder 1990er-Jahren verschwinden. Jahreszahlen von Schul- oder Studienabschlüssen werden weggelassen. Das Geburtsdatum steht nicht im Lebenslauf.

Aus Erfahrung wird plötzlich ein Risiko

Unternehmen reden ständig vom Fachkräftemangel, von fehlenden qualifizierten Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern und davon, dass Beschäftigte länger im Berufsleben bleiben sollen. Gleichzeitig können Bewerberinnen mit jahrzehntelanger Erfahrung den Eindruck gewinnen, dass sie sich für ihr Alter entschuldigen müssen. Sie sollen länger arbeiten – aber nicht so aussehen, als würden sie schon lange arbeiten.

Wenn Algorithmen Vorurteile reproduzieren

Noch komplizierter wird die Situation durch automatisierte Bewerbungsverfahren. Bewerbungen werden heute teils von Software analysiert, bevor ein Mensch sie sieht. Dabei können bestimmte Angaben, Karriereverläufe oder Formulierungen eine Rolle spielen.

Ältere müssen ihre Kompetenz tarnen, um eine Chance auf Kompetenz zu bekommen!

Und was passiert beim Vorstellungsgespräch?

Spätestens im persönlichen Gespräch lässt sich das Alter nicht mehr ausblenden. Stimme, Erscheinungsbild, berufliche Erzählungen und der eigene Lebensweg machen deutlich, dass die Bewerberin vielleicht nicht Anfang 40 ist. Das kann zu einem Glaubwürdigkeitsproblem führen – obwohl sie technisch gesehen gar nichts Falsches getan hat. Sie hat lediglich Informationen weggelassen. Warum sollte die Frage nach ihrem Alter mehr Gewicht haben als die Frage, ob sie die ausgeschriebene Stelle ausfüllen kann?

Wir brauchen kein Botox, sondern einen anderen Blick auf Alter

Wenn eine 55- oder 60-Jährige ihre ersten 25 Berufsjahre ausradieren muss, damit die Bewerbung überhaupt gelesen wird, haben wir ein massives gesellschaftliches Problem. Einst hatten wir einen Arbeitsmarkt, auf dem Lebenserfahrung wertgeschätzt wurde und gefragt war, nun wird sie zu Hürde und Nachteil.

Erfahrung braucht kein Botox, Erfahrung ist kein Makel, den man kaschieren muss. Erfahrung ist ein unschätzbarer Schatz!

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