Unser derzeitiges Pflegesystem würde ohne die Arbeit pflegender Angehöriger zusammenbrechen. Als „unsichtbare Armee“ pflegen 900.000 Angehörige, davon beinahe zwei Drittel Frauen, in Österreich 80 Prozent der Pflegebedürftigen. Sie leisten pro Jahr unvorstellbare 600 Millionen Stunden Pflege. Das entspricht 29.000 Vollzeitstellen und einem – konservativ geschätzten – Gegenwert von 6,1 Milliarden Euro! Sogar das Sozialministerium gibt zu, dass es ohne die Arbeit pflegender Angehöriger nicht geht.

Diese scheinbare Freiwilligkeit ist aber systemischer Zwang, wie ich auch im Kurier anlässlich des heutigen Tags der pflegenden Angehörigen betone: Wer pflegebedürftige Familienmitglieder nicht in ein Heim geben möchte oder sich den Heimplatz nicht leisten kann, dem wird gar keine andere Wahl gelassen, als selbst zu pflegen. Der Lohn für diesen aufgezwungenen Fulltime-Job sind chronische Überlastung und Selbstausbeutung sowie drohende Altersarmut bei Frauen, die ihr Berufsleben hintanstellen müssen. Außerdem macht die Belastung die mehrheitlich über 60 Jahre alten Angehörigen zu den Pflegebedürftigen von morgen.

Sich mehr als Pfleger denn als Angehöriger fühlen – das kann nicht gut gehen!

Das Schlimmste: Angehörigen werden ihre Rolle und ihr Recht genommen, Angehörige zu sein. Im aktuellen System können sie gar nicht anders, als sich früher oder später mehr als Pflegekräfte, denn als Angehörige zu fühlen. Das weiß ich aus vielen Zuschriften verzweifelter Angehöriger, die mich erreicht haben.

Ihnen wird die unbeschwerte gemeinsame Zeit mit ihren Liebsten und damit eines der höchsten Güter genommen, die sie in dieser belastenden Situation noch haben! Das zerrüttet langfristig auch die sozialen Beziehungen zwischen Pflegebedürftigen und ihren Angehörigen. Das ist unfair und geschieht rein aus dem mangelnden Willen der Verantwortlichen, Alternativen zu fördern – das kann und wird nicht mehr gut gehen!

Töchter und Ehefrauen haben es verdient, wieder Töchter und Ehefrauen sein zu dürfen, genauso wie das bei Söhnen und Ehemännern der Fall ist! Nur dann ist eine Pflegereform eine echte Reform. Angehörige brauchen Freizeit, Hilfe und Entlastung. Das bedeutet: Leistbare Pflege daheim, eine zentrale Anlauf- und Beratungsstelle und mehr Unterstützung pflegender Angehöriger durch Case- und Care-Management sowie Community Nurses.

Der Runde Tisch zur Pflegereform lässt immer noch auf sich warten, dabei liegen die Fakten schon längst auf selbigem. Sie können sicher sein, dass ich weiterhin Druck machen und kämpfen werde!

Ihre Ingrid Korosec

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